Benjamin Schubert - Bildhauer und Konzeptkünstler

Seit 30 Jahren verfolgt der Hamburger Künstler Benjamin Schubert konsequent die Idee der Spuren-Suche und -Transformation: aus heterogenen Fundstücken, Objekten seriell hergestellter Massenproduktion formt er Skulpturen, die die beliebigen Objekte durch künstlerische Intervention zu einem einzigartigen Ganzen werden lassen, sie aus ihrer einstigen Anonymität herausheben und sie zu Subjekten mit einer unverwechselbaren Identität gestalten.

Immer auf der Suche nach Spuren der Zeit, nach inspirierenden Fundstücken - aus Metall, Plastik, Holz, Stein, Leuchtschriften o. a. - entwickelt der Künstler bereits beim Finden und Sammeln eine Vorstellung zur konstruktiven Formgebung.

Entsorgte Teile aus Werften, Industrieanlagen, Silos, Werkstätten, alte Leuchtschriften von Geschäften, Serienprodukte aus Fabriken, Strandgut von diversen Küsten werden im Atelier des Künstlers zu Formen und Gestalten, die mehr sind als die Summe der Objekte, aus denen sie zusammengefügt worden sind. Es entstehen Bedeutungsträger, die etwas aussagen über die Umbrüche und Zustände unserer Gesellschaft. Sie beinhalten Spuren der Vergangenheit, der einstigen Funktionen, und sie verweisen mit ihrer neuen Identität auf das Heute, das morgen auch schon wieder Spuren der Vergangenheit aufweist. Sie haben die Qualität relevanter Zeitzeichen, die auf Brüche und Umbrüche, Befindlichkeiten und Entwicklungen in unserer Gesellschaft aufmerksam machen.

Mit seinen Skulpturen und Installationen setzt Schubert Markierungen in den Raum, die Fragen aufwerfen, Probleme und Tendenzen unserer Zeit aufzeigen. Mag seine Kunst ihrer Form nach bisweilen verspielt erscheinen, so enthält sie immer Aussagen und Inhalte, die nachdenklich stimmen:

  • Da werden aus industriell hergestellten spröden Eisenteilen - wie Muttern, Schrauben, Werkzeugstücken - beschwingte Formen oder markante Zeichen. Die simplen, anonymen Objekte werden zu "Subjekten" mit eigener Identität und unverwechselbarer Ausstrahlung. Sie wirken wie Mut- und Muntermacher, beflügeln die Phantasie, lassen Schweres leichter erscheinen, verweisen von den Härten der Wirklichkeit auf die Chancen der Möglichkeit. Es sind die ordnende Kraft, die schwungvolle Form und der optimistische Ausdruck dieser Skulpturen, die den Betrachter in den Bann ziehen.
  • Da wird aus Titanschaufeln einer Flugzeugturbine eine aufstrebende Skulptur, deren dynamische Form einerseits die Leichtigkeit eines abhebenden Flugobjektes suggeriert, deren grazile Zerbrechlichkeit andererseits die potenziellen Gefahren des Fliegens impliziert.
  • Oder der Künstler erzeugt mit einem seiner motorbestückten Objekte, bei dem mehrere blaue Schilder mit weißen Richtungspfeilen unterschiedlich hin- und hertanzen, Irritation und Desorientierung und verweist damit beispielsweise auf den wuchernden Schilderwald in unseren Großstädten, der oft mehr verwirt als informiert. Seine mechanischen Arbeiten sind eine Hommage an den weltbekannten Künstler Jean Tinguely, in dessen Pariser Atelier Benjamin Schubert während seines Kunststudiums einen mehrwöchigen Aufenthalt absolvierte.
  • Da werden zum Beispiel die zunächst banal anmutenden "Fischkisten", die mit geordnetem Strandgut von den Küsten der Nordsee gefüllt sind, zu relevanten Zeitzeichen. Sie verweisen auf die Globalisierung des achtlosen Umgangs mit Produkten unserer Konsum- und Wegwerfgesellschaft sowie der Verschmutzung unserer Umwelt.
  • Da sagt uns die kleinteilige Skulpturenserie "Afrika in der Dose" etwas über die Lebensumstände der Armen in Entwicklungsländern (wie z. B. in den Townships Südafrikas), die durch eine Verwertung des Konsummülls versuchen, eine notdürftige Behausung zu bauen, nützliche Gegenstände oder kunstvolle Objekte herzustellen.
  • Oder der Künstler sensibilisiert uns durch seine aktuellen "Lichtgestalten" - die aus demontierten Leuchtschriften und neu zusammengefügten Buchstaben geformt sind - für das zunehmende Problem des ebenso verbreiteten wie verdeckten Analphabetismus. Dem Lesekundigen fällt es hier genauso schwer, den ursprünglichen Namen der Leuchtschrift zu entziffern, wie dem Analphabeten, ein geschriebenes Wort zu lesen.

Mit künstlerischem Esprit und handwerklichem Können formt Schubert in transformatorischen Prozessen

  • harte, kantige Teile (aus Metall/Plastik) zu weichen, sinnlichen Formen
  • industrielle Massenprodukte zu individuellen Konstruktionen
  • einzelne Partikel/Elemente zu gestalteten Ganzheiten
  • statische Gegenstände zu dynamischen Körpern und rotierenden Maschinen
  • nutzlos gewordene Relikte zu gehaltvollen, ausdrucksstarken Zeichen der Zeit

Durch diese Umnutzungen und Umdeutungen von Fundstücken unterschiedlicher Provenienz und Beschaffenheit vollzieht Benjamin Schubert kreative Umwandlungen in vielerlei Hinsicht. Oft angeregt durch die gefundenen Materialien, entsteht die Idee, die zu einem Konzept entwickelt und dann in eine Form umgesetzt wird, die seine Handschrift trägt. Er balanciert seine Formen mit großer Sorgfalt aus, bis sie in eine Art Schwebezustand geraten. Aus der Vielfalt nutzlos gewordener Teile formt er Objekte, die durch diese Transformation neue Assoziationen und Interpretationen erzeugen. Seine Skulpturen bieten dem Betrachter verschiedene Deutungsoptionen, sie sind ambivalent und wollen entschlüsselt werden. Seine Formensprache bewegt sich zwischen Abstraktion und Konkretion. Schubert sucht Verbindungen von der Vergangenheit über die Gegenwart in die Zukunft. Die Geschichten, die in den Fundstücken stecken, interessieren ihn, er will sie decodierten und erzählen. Gebrauchte und dann abgelegte Gegenstände - seine bevorzugten Materialien - sind für ihn keine toten Sachen, sondern Archivalien des Lebens, die durch Arbeit und Gebrauch gezeichnet sind. Sie offenbaren bei näherem Hinsehen die Geheimnisse früherer, längst vergangener Handwerkstechniken oder inzwischen überholter, abgelegter Verfahrensweisen, die uns Einblicke in damalige Lebensumstände geben. Benjamin Schuberts künstlerisches Werk ist charakterisiert durch Relevanz, Konstanz und Evidenz.