DEZERNAT5 - Tino Bittner, Udo Dettmann, Thomas Sander

Ausstellungen: zum Raum wird die Zeit 2013 und Stop & Go 2016

Tino Bittner, Udo Dettmann und Thomas Sander, die als Künstlerteam DEZERNAT5 – mit gleichnamiger Galerie in Schwerin – auftreten, sind mit dem Kunst- und Kulturpreis 2016 der Stiftung der Sparkasse Mecklenburg-Schwerin ausgezeichnet worden. In der Laudatio heißt es: "Die Künstler mit herausragender künstlerischer Qualität zeigen Mut zu Neuem bei der Vermittlung zeitgenössischer bildender Kunst. Sie leisten damit einen wichtigen Beitrag für die Bereicherung der Kultur der Landeshauptstadt Schwerin."

Auch den ländlichen Raum haben die drei Künstler bereichert: in der Kunsthalle des kulturforums PAMPIN 2013 und 2016 mit den Ausstellungen ZUM RAUM WIRD DIE ZEIT und STOP & GO.

Seit 2017, mit Eröffnung des neuen Formats PAMPINALE, hat DEZERNAT5 im kulturforum einen eigenen Raum zur Verfügung, die BLACK BOX. Das garantiert den Künstlern Gestaltungsfreiheit und – neben ihren vielen Einzelausstellungen - eine ständige Präsenz im öffentlich zugänglichen Raum.

Die Titel der zwei großen Ausstellungen ZUM RAUM WIRD DIE ZEIT und STOP & GO ergänzen sich und geben komprimiert die Intentionen und Philosophie der drei Künstler wieder.

Sie machen Wahrnehmungs- und Bewegungs-Prozesse räumlich sichtbar, indem sie sie in einzelne Phasen, kleinste Einheiten und „Standbilder“ zerlegen, die dann narrativ mit Humor, Hintersinn und Tiefgang zu neuen Wahrnehmungskonstellationen – analog wie bei Tino Bittner oder vorwiegend digital wie bei Udo Dettmann und Thomas Sander –zusammengesetzt werden. Sie irritieren, schaffen paradoxe Situationen, spielen mit Wahrnehmungsverkehrungen/-umkehrungen und Sinnestäuschungen.

Bewegung und Wahrnehmung stehen in ihren Werken in einem feinmaschigen, nicht unkomplizierten und zum Teil rätselhaften Verhältnis zueinander. Bewegung ist für sie ein Phänomen, das nicht nur im realen Zeit-Raum-Kosmos stattfindet, sondern emotional und mental auch als „Kopf-Kino“ oder in der virtuellen Welt der neuen Medien.

Alle Drei spielen mit der Dehnung der Zeit durch Aufspaltungs-, Streckungs- und Verzögerungseffekte. Sie setzen der Hektik unserer Zeit die zeitlupenhafte Verlangsamung und den Impuls zum Verweilen und zum genaueren Hinschauen entgegen. Prototypisch dafür steht eine Videoarbeit von Udo Dettmann, in der etwa ein rothaariges weibliches Wesen raubtierhaft hinter einem (Balkon)Gitter in Zeitlupentempo tigert, dann und wann den Kopf hebt und den Betrachter anschaut, die Zähne bleckt und dann zum Schluss (endlich) brüllt – man fühlt sich an den Löwen von Metro-Goldwyn-Myer erinnert.

 

Eine weitere Gemeinsamkeit der drei – mit sehr eigenständigen ästhetischen Ausdrucksmitteln arbeitenden – Künstler ist, dass sie unbewusst ablaufende Routinehandlungen/-bewegungen und eingeschliffene Automatismen im Alltagsverhalten als Inhalt ihrer Kunst wählen: beispielsweise der Augenblick oder Wimpernschlag, das Öffnen des Mundes oder Heben und Senken eines Arms mit ausgestrecktem Zeigefinger. Dadurch lenken sie den Fokus der Aufmerksamkeit auf Vorgänge, die normalerweise unterhalb der Schwelle der bewussten Wahrnehmung liegen.

Der Reiz ihrer Kunstwerke liegt in dem Kunstgriff, Nebensächliches zur Hauptsache zu stilisieren und die Flüchtigkeit eines banalen Augenblicks – wie die Sekunde des Einschlagens eines Nagels in Holz – in viele einzelne Sequenzen zu zerlegen und daraus ein nachvollziehbares Slow-motion-Erlebnis zu machen.  

Für die Herstellung ihrer Objekte verwenden die drei Künstler nicht selten profane Alltags-Materialien und Allerwelt-Situationen. So arrangiert Tino Bittner ein getuscht anmutendes Porträt aus weißen und schwarzen Plastik-Trinkhalmen oder er montiert Abstandshalterkreuze, die normalerweise zum Fliesenlegen verwendet werden, derart auf ein Gitter in kleinquadratischen Mustern, dass zwei Gesichter im Positiv-Negativ-Duktus entstehen – sozusagen innovative Malerei ohne Farben. Innovativ auch seine Version einer 3D-Technik, mit deren Hilfe er die Bewegung eines ausgestreckten Armes oder der zugreifenden Hand eindrucksvoll zur tiefräumigen Darstellung bringt, indem er einzelne Sequenzen der Bewegung jeweils als Umriss-Skizze auf eine Glasplatte oder eine transparente Folie zeichnet und diese so hintereinander aufreiht, dass die Dynamik einer schwungvollen Bewegung simuliert und vom Betrachter auch als solche wahrgenommen wird. Bemerkenswert auch seine Wandinstallation mit Porträtzeichnungen auf gerahmten Glasscheiben, die wie Buchseiten zum Durchblättern auf die Wand montiert sind und so ein Gesicht von allen Seiten – vorn und hinten, links und rechts – im Profil sichtbar machen. Seine mit herkömmlichen Mitteln produzierten analogen Arbeiten erzeugen mit Hilfe der Schichtung/Überlappung mehrerer Ebenen überraschende Effekte der Bewegung.

Udo Dettmann malt beispielsweise mit- und ineinander schwingende Hände in unterschiedlichen Farben, die – in ein Video montiert - wie verzögert abgespielte Aufnahmen der Flügelschwingungen beim Vogelflug anmuten und in ihrem rhythmischen Auf und Ab latente Lust zum Fliegen freisetzen. Eine humorvoll absurde Situation erzeugt Dettmann mit einem Föngebläse, das einen aufblasbaren „Badefisch“ aus knallbuntem Plastikgewebe zum scheinbar befreiten Schweben bringt und so die doppelte, parodoxe Illusion vom Fliegen eines Fisches oder vom Schwimmen in der Luft in Szene setzt. Höchst raffiniert und größte Aufmerksamkeit, genaues Hinsehen verlangend, ist ein Video, in dem er in minimalen prozessualen Übergängen das Heranwachsen/Altern des Menschen darstellt - vom Kleinkind zum Greis.

Thomas Sander führt im Zeitlupentempo vor, welche Bewegungsabläufe eine Hand und eine kleine Kugel durchlaufen, wenn der schnippende Zeigefinger die Kugel in Bewegung setzt. Die Zerlegung dieses in Sekundenschnelle ablaufenden Vorgangs in kleinste Bewegungseinheiten demonstriert er in einer Vielzahl offener Schachteln, die sich entlang der Wand über zehn Meter erstrecken – mit minimalen Veränderungen des Schnippfingers. Ähnlich auch sein Objekt, das das wenige Sekunden dauernde Einschlagen eines Nagels in Holz in viele einzelne Sequenzen zerlegt, um daraus ein nachvollziehbares Slow-motion-Erlebnis zu machen. Viel Humor beweist er in einem Video, in dem er die berühmten Hände Gottes und Adams von Michelangelo in der Sixtinischen Kapelle in Bewegung setzt und die Illusion erwckt, sie würden sich einander nähern und berühren.

Tino Bittner, Udo Dettmann und Thomas Sander fordern die Betrachter zu einem Dialog mit ihren Kunstwerken auf, die nicht einfach nur konsumiert, sondern durch intensive Interaktion erfahren und verstanden werden wollen. Die ihren Werken zugrundeliegenden Ideen entstammen oft der Meta-Ebene der „Wahrnehmung der Wahrnehmung“, das macht sie oft erst auf den „zweiten Blick“ – in STOP & GO-Manier - erschließbar. Die Mittel der Irritation, der Ambivalenz und der Paradoxie verleihen ihren Werken (Tiefen-)Grund und (Mehr-)Deutigkeit.